Verantwortung übernehmen, wie geht das? Ein lebenslanger Lernprozess

In deinem Beitrag Freiheit vs Verantwortung beschreibst du, Jana, dass Freiheit ohne Verantwortungsgefühl auf Dauer kein tragfähiges Gut für eine Gesellschaft ist.

Ich dachte sofort an meine Arbeitsstelle, bei der junge Menschen sehr viel von respektvollem Verhalten und Verantwortung für ihr Handeln zu hören bekommen, was dann regelmäßig in die Hose geht. Und dann sitzen sie da immer, klein und schuldbewusst, und nicken…um am nächsten Tag erneut sämtliche Regeln des freundlichen Miteinanders zu brechen oder keine Verantwortung für ihr Handeln zu übernehmen.

Wie also funktioniert das mit der Verantwortung?

Was macht einen Menschen zu einem verantwortlich handelnden Freund*in, Sohn/Tochter, Nachbar*in, Schüler*in, Auszubildenden, zu jemanden, der eine Gemeinschaft stärkt, weil er die eigenen Bedürfnisse an eine Situation anpassen und unter Umständen zurückstellen kann.

Während wir als soziale Wesen auf die Welt kommen, die ohne soziale Kontakte und umfassende Betreuung – die über die Nahrungsaufnahme hinausgeht – verkümmern und sogar sterben können, müssen wir das Kümmern um andere erst lernen. Diese Kompetenz wird uns nicht in die Wiege gelegt.

Wikipedia schreibt dazu:
Gefühlte Verantwortung:
Sie entwickelt sich in der Kindheit, verbunden mit dem durch die Umgebung vermittelten Wertesystem. Das Verantwortungsgefühl trägt dazu bei, dass soziale Handlungen im angemessenen Rahmen stattfinden.
Das Verantwortungsbewusstsein geht über die gefühlte, geahnte Verantwortung hinaus. Es bedeutet zunächst die bewusste Kenntnis oder das Erkennen des gültigen Normativen.
Erweitert bedeutet Verantwortungsbewusstsein, dass der Mensch für sein aktives Tun bzw. Unterlassen einsteht, also sich verantwortlich fühlt. (…)

Verantwortung kann also nur jemand übernehmen, der in einem der Norm entsprechenden Wertesystem aufwächst und der soziales Handeln in diesem üben konnte. Verantwortung zu übernehmen ist ein Lernprozess. Ehrlich gesagt wissen wir das alle. Jeder und jede kann sich an Auseinandersetzungen mit dem (Werte)System der Eltern, der Schule oder einer Freundin, eines Freundes erinnern. Oft mussten wir unsere individuelle Freiheit zugunsten einer Norm aufgeben oder hintenanstellen. Das geschah in einem nicht immer wertschätzenden Umgangston oder es kam schlicht zu einem Machtkampf zwischen zwei Egos. ODER, der Idealfall, man durfte etwas ausprobieren und wurde dabei beraten und unterstützt, wenn man Hilfe brauchte.

Wir sind soziale Wesen, aber wir werden erst zu verantwortungsbewussten Mitmenschen.

Wenn junge Menschen keine Verantwortung übernehmen, kann es auch einfach daran liegen, dass sie unsicher sind, was zu tun ist. Ihnen fehlt Selbstvertrauen und Erfahrung. Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten und die Erfahrung, dass die Fähigkeiten ausreichend sind oder trainiert werden können. Wer das nicht üben kann, keine gelingenden Erfahrungen macht und positives Feedback erhält, der kann Versagensangst davor haben, eigenständige Entscheidungen zu treffen. Jugendliche können Bedürfnisse formulieren, was manchmal fordernd und unangemessen erscheint, aber sie können nur schleppend aus ihrem Kokon heraus, wenn es darum geht, mutig auf etwas zuzugehen. Und das ist ja auch schwer! Wir alle kennen das noch gut: Wann stehe ich in der Straßenbahn auf, wenn jemand hereinkommt, der sich offensichtlich setzten sollte? Wie ist das, wenn ich in der Ferienfreizeit die Organisation eines Spiels übernehme und niemand bewegt sich? Stelle ich mich vorne hin und sage meine Meinung? Wie reagieren die anderen…..? Wenn ich da jetzt hingehe und helfe, bin ich dann noch cool? Jungsein ist anstrengend und voller verzweifelter Entscheidungen, etwas lieber nicht zu tun.

Zum Teil werden jungen Menschen aber auch nahezu alle Entscheidungen abgenommen, oder ihr Umfeld ist wenig in der Lage, eine stabile Begleitung ins Erwachsenenleben zu gewährleisten. Vielen Jugendlichen fehlen anregende Erfahrungsräume, in denen sie sich ausprobieren können, in denen sie scheitern dürfen, Unterstützung erhalten und erneut einen Versuch starten können. Zu selten haben sie die Gelegenheit, soziale Kompetenzen über einen langen, stabilen Zeitraum zu erproben. Zu oft fehlt es an konstruktiven, positiv prägenden Vorbildern im Umfeld und einem entspannten Umgang mit dem mühsamen Lernprozess, ein Verantwortungsgefühl zu entwickeln.

Noch einmal Wikipedia:
Verantwortungsgefühl ist eine soziale Emotion. Dabei nimmt der betroffene Mensch instinktiv, intuitiv oder anderweitig unbewusst an ihn gerichtete Anforderungen wahr. Dieses Gefühl geht bei intellektuell und analytisch ausgerichteten Menschen in eine bewusste Wahrnehmung, das Verantwortungsbewusstsein über.(…)

Gut, wenn junge Menschen ein Umfeld vorfinden, in dem sie das lernen und trainieren können. Gut, wenn Kindergärten, Schulen, Vereine, Gemeinden und soziale Einrichtungen Zeit und fachliche Kompetenz in diesen Prozess investieren.

Nicht gut, wenn das nicht passiert.

Der Staat hat an dieser Stelle enorme Verantwortung und auch eine riesige Chance, direkt auf das Gelingen des Miteinanders einzuwirken und die Grundlage für eine tragfähige Gesellschaft zu schaffen. Leistung allein ist nicht tragfähig, jedenfalls nicht dauerhaft und nur im geringem Maße für den Zusammenhalt einer Gemeinschaft. Das haben viele Unternehmen bereits erkannt. Ein moderner, innovativer Arbeitsplatz legt mittlerweile großen Wert auf soft skills, die jeder einzelne einbringt, und individuelle, familienfreundliche Strukturen, die allen zur Verfügung stehen, und schafft entsprechende Arbeitsbedingungen. Dass soziale Kompetenzen ökonomisch ablesbar sind und den Gewinn steigern, wissen wir eigentlich auch schon alle. Kooperationsbereitschaft, Durchsetzungsvermögen, Kritik-und Konfliktfähigkeit, Team- und Kommunikationskompetenz als komplementäre Fähigkeiten zur fachlichen Expertise gehören in den Rucksack aller, aber vor allem in den Rucksack der Arbeitnehmer*innen der Zukunft . Das sollte uns am Herzen liegen. Sie sind die Grundlage für ein aktives Verantwortungsbewusstsein für sich und andere.

Junge Menschen werden immer noch nicht, trotz aller pädagogischen Erkenntnisse, methodisch wissenschaftlicher Theorien, ökonomischer Studien und akuter Maßnahmemöglichkeiten umfassend erzogen, beschult und gefördert. Bildung und Erziehung scheinen immer noch eine mühsame Sisyphusarbeit zu sein, bei der Institutionen nicht ineinandergreifen. Systeme im Bildungssektor sind immer noch ineffektiv und verschleißen die Kräfte derer an der Basis. Das ist sehr schade und sehr unnötig.

Ob eine Gesellschaft sich in einer Krise bewährt oder nach der Krise, wenn die Nerven blank liegen, zusammenhält, ob Einzelne in einer Gesellschaft eigene Bedürfnisse zurückstellen können, um Schwächere zu stärken, ob wir uns weiterhin in einer Mitte treffen und nicht in abgespalteten Randlagen verhaftet sind, entscheidet sich auch am Umgang mit jungen Menschen und deren Bildung und Erziehung.

Solange das Elternhaus maßgeblich über den Bildungsweg und das Bildungsniveau einer zukünftigen Gesellschaft entscheidet, lässt diese wichtige Ressourcen ungenutzt oder setzt sie nicht zielführend ein. Und bitte: werfen wir das nicht dem Elternaus vor, sondern laden wir Eltern in gut vorbereitete Strukturen ein, die mit hervorragend ausgebildetem Personal bestückt sind, um gemeinsam das Beste an Bildung und Erziehung für junge Menschen zu bieten. Nachhaltig.

Verantwortung zu übernehmen ist etwas Cooles!

Es macht uns stark, selbstwirksam und sichtbar. Wer das nicht lernen kann, der bleibt mit der manchmal verflixten Freiheit und seinen individuellen Bedürfnissen unter Umständen allein. Ja, ich bin frei Verantwortung zu übernehmen oder nicht. Aber Freiheit im Grundgesetz heißt maximale Verantwortung.

Verantwortung dafür, dass das so bleibt.

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