Muttertag, ein Wort mit drei Ts und sonst?

Warum wird auf unreflektierte Art und Weise im institutionellen, öffentlichen Rahmen ein Rollenbild, das nur einen Teil der Gesellschaft repräsentiert, zur Norm gemacht und mit Anerkennung versehen?

Muttertag.

Der 10.05. heute ist wieder der „Muttertag“ 2020.

In vielen Haushalten finden heute liebevoll gestaltete Events für Mütter statt. Da, wo Corona Familien auseinanderhält, wird telefoniert, geskypt oder ein Paket mit Lob und Liebe für die Mama ausgepackt. Im Radio bei WRD 2 und sicher auch anderswo vier Stunden lang Muttertagsgrüße live. Blumensträuße, Mittagessen, Kaffeetrinken (in diesem Jahr eingeschränkt), aber grundsätzlich Küsse und Konsum allerorts.

In Kindergärten und Schulen wird wie selbstverständlich für diesen Tag gebastelt, gedichtet und Vortragen geübt. Der Fokus auf der Mutter, egal, was es für eine ist und ob es sie überhaupt gibt im Leben eines Menschen.

Ich selbst erinnere den Muttertag völlig ambivalent:

Ich liebte meine Mutter über alles. Sie hatte sehr viel Arbeit und Verantwortung, sie hatte sehr anstrengende Jahre. Ich wollte, dass es ihr gutging. Ich bastelte wie eine Verrückte, dichtete, malte, übte auswendig. Ich trocknete Blümchen, legte ein Streichholzkistchen mit Watte aus und drapierte die getrockneten Blüten dort hinein. Selbstverständlich war das Kistchen umklebt und liebevoll bemalt. Ich machte mich hübsch und ich war brav. Meine Mutter freute sich auch sehr. Sie lobte mich und hob alles auf. Aber ich spürte auch, dass meine Geschenke ein Art Buße und Entschuldigung für das ein oder andere Fehlverhalten war. Ich war nervös an diesen Tagen. Kurz gesagt: Der Muttertag war unter anderem auch emotionaler Stress für mich.

Muttertag, ein Tag, der Gefühle bloßstellt, der Kinder und Erwachsene zwingt, sich mit der Mutterfigur im eigenen Leben auseinanderzusetzen, ob man es möchte oder nicht. Und ein Tag, der Menschen klarmacht, was sie nicht sind, was sie nie sein werden, was sie nie haben konnten, oder was ihnen nicht gelungen ist:

  • Mutter zu werden
  • eine liebevolle Mutter zu sein, zu beschützen und zu behüten
  • Großmutter zu werden
  • Enkel*innen zu haben
  • ein geliebtes, gefördertes Kind zu sein
  • sich beschützt und behütet zu fühlen
  • Großmütter für die eigenen Kinder zu haben

Muttertag, so wie viele ihn heute immer noch feiern, grenzt völlig selbstverständlich aus. Von seiner zweifelhaften Bedeutung im Nationalsozialismus ganz zu schweigen.

Was ist mit den Menschen, die keine Mutter haben, oder deren Mutter es nicht möglich war, sich liebevoll um sie zu kümmern?

Was ist mit alleinerziehenden Vätern?

Was ist mit Frauen, die keinen Kinder, aber wichtige Prozesse im Beruf „geboren“ haben?

Was ist mit den Müttern, die nicht gesund sind und große Probleme haben, Stabilität in ihr Leben zu bringen?

Ein Kollege erzählte Folgendes an der Kaffeemaschine:
Schon seltsam, ich bin seit drei Jahren geschieden. Unsere Tochter, jetzt 5 Jahre, lebt bei mir. Ich mache alles, was man als Elternteil, das mit Kindern lebt, so tut: Waschen, putzen, einkaufen, kochen, Geburtstage, Zahnarztbesuche, Impftermine, Weihnachtsgeschenke für Verwandte basteln usw….und meine Tochter geht am Sonntag mit Liebesbriefchen zu ihrer Mutter! Er sagte mir, dass er in keinem Fall Wertschätzung von einer Tochter vermisse. Er bekäme regemäßig sehr viele herzchenüberflutete Liebesbriefe von ihr. Er wundere sich nur, mit welcher Selbstverständlichkeit sein Kind die öffentliche Wertschätzung auf die Mutter und nicht auf ihn übertrage, obwohl er die „Mutterdienste“ seit Jahren übernähme.

Das muss uns doch stutzig machen. Mich macht es sehr stutzig. Ist es gut, eine Rolle in der Gesellschaft zu definieren, die das Ergebnis einer individuellen Beziehung zwischen zwei Menschen ist? Ist es sinnvoll, diese öffentlich als „gut“ zu bewerten und dafür einen Feiersonntag zu erheben und zwar institutionalisiert, also gesellschaftlich in eine anerkannte feste Form gebracht, vom Staate her? Ich meine jetzt nicht nur: Das ist ja altes Zeug, das kann doch jeder/jede selbst entscheiden. Ich meine, in Deutschland haben wir einen Tag institutionalisiert, er steht im Kalender, an dem wir die Rolle der Mutter würdigen, hervorheben und feiern.

Für mich bedeutet das, eine intime Beziehung, die es nur zwischen zwei Menschen geben kann, auf Knopfdruck in eine äußere, zum Teil sichtbare Form zu bringen, deren Inhalt – Dankbarkeit und Wertschätzung – bereits vorgegeben ist. Und es bedeutet, dass staatliche Institutionen wie Kindergärten und Schulen unreflektiert dazu zu arbeiten scheinen. Oder steht der Unterricht zum Muttertag im Curriculum? Wir unterschätzen, dass die Gesellschaft ihre Kinder immer noch völlig selbstverständlich in dieser Tradition, in der Tradition der Mutter als Rolle, zu erziehen scheint.

Das entspricht einer offenen Gesellschaft nicht. An dieser Stelle wird der Fokus wieder sehr stark verengt auf ein Idealbild, auf eine Norm, die es zu bedienen gilt: Von den Müttern und Kindern, die ihre Gefühle öffentlich machen (müssen).

Ich sage: Der Muttertag bedient alte Rollenklischees und ist einfach ein Geschäft.

Ich sehe Rollen im öffentlichen Zusammenhang grundsätzlich sehr kritisch. Ich bin überzeugt davon, dass eine öffentliche Rolle, vor allem wenn sie zusätzlich an geschlechterspezifische Merkmale geknüpft ist, bewusste und unbewusste Handlungsmuster transportiert, zu Einschränkung von Vielfalt führt, und dass sie zu Handlungen und Verhalten drängt, weil Erwartungen und Hoffnungen mit ihr innerhalb der Rolle verbunden sind.

Ich persönlich würde mich sehr gerne im öffentlichen Diskurs von festgelegten Rollen verabschieden. In einer Fortbildung zum Thema Gleichstellung sagte eine Vortragende: Wie absurd ist es, Frauen immer noch hervorheben zu müssen, um sie gleichzustellen. Wie absurd ist es, Teile der Gesellschaft zu betonen, anstatt selbstverständlich davon auszugehen, dass wir von kompetenten Menschen sprechen, deren Geschlecht keine ROLLE spielt.

Ich finde wir müssen eine andere Form der Wertschätzung finden. Der Muttertag gehört für mich zum Thema Wertschätzungsfalle, weil ich öffentlich etwas Privates, Intimes lobe, Mütter und Kinder auf Normen und Vorstellungen reduziere und Väter und andere Betreuer*innen ausgrenze und unsichtbar mache. Das stimmt für mich in unserem heutigen Diskurs nicht mehr.

Ein Tag für die Mama, den Papa, den Opa, der Oma, den/die Nachbarn*in, Tante, Onkel den/die Betreuer*in usw…kurz für den oder die Menschen, die mich wachsen und gedeihen lassen, die Verantwortung für mich übernehmen und da sind, den feiere ich gerne.
Danke zu sagen ist etwas Wundervolles und Wichtiges, für den/die, der/die es hören darf und für den /die, der/die es sagt (entschuldigt die beiden Geschlechterartikel, aber auch das ist so wichtig: Gleichstellung in Sprache … und einen neuen Text wert).

Dieses individuelle Verhältnis zwischen zwei Menschen gehört für mich genau da hin: Zwischen diese beiden Menschen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.