Lieben und Lassen

Kinder machen Arbeit und sich selber glücklich, stören wir sie nicht dabei. Sie stören uns ja auch nicht beim Aufräumen….

Als sie da waren. Als jedes einzelne nach etwa neun Monaten wieder bei mir auszog und dann da lag, auf meinem Bauch. Da dachte ich: OH, MEIN GOTT!

Ich bin nicht besonders religiös. Aber wenn es einen Gott gibt, dann war ich ihm oder ihr in diesen drei Momenten sehr nahe. Bei den Geburten meiner Kinder. Was für ein Wunder!  Als Schwangere war ich eher sportlich unterwegs und ließ die drei jeweils in Ruhe gedeihen. Ich musste da nicht ständig in mich oder es hineinlauschen. Ich empfand den Vorgang als beglückend natürlich und ab dem 7 Monat ziemlich lästig. Ließ sich diese feste Wölbung an meinem Bauch doch einfach nicht einziehen, um an Engstellen vorbeizukommen.

Und dann dieser Moment!

Oh, mein Gott!

Ein vollständiger Mensch, Menschlein noch, und doch komplett! Welch Zerbrechlichkeit! …und welche Kraft zugleich strahlten diese kleinen Wesen aus. Es war absolut faszinierend! Es ist mir in bleibender Erinnerung geblieben. Etwas anderes aber verstand ich auch mit allen Ebenen meines Seins in den ersten Stunden des neuen Lebens: Du gehörst mir nicht, kleiner Mensch. Bei meinem ersten Kind war das vom ersten Augenblick an sehr deutlich, als hinge ein Zettel mit Gebrauchsanweisung am Bauchnabel:

Vorsicht: Selbstständig! Ich gehöre mir!

Ihr Erwachsenen dürft ne ganze Menge.

Ihr müsst auch ne ganze Menge.

Einiges könnt ihr versuchen, macht mal.

Aber ich gehöre mir. Je früher ihr das versteht, desto angenehmer für uns alle.

So wurden wir nach und nach ein Team aus fünf Menschen. Wir Großen schafften Geld, Essen und Abwechslung herbei und die Kleinen erweiterten ihren Horizont, kreativ und unermüdlich. Als Familie hatten wir das Glück, in den ersten Jahren ganz gut zusammenzupassen. Wir teilten einen ähnlichen Grad an Sauberkeit, den eine Wohnung haben sollte. An Toleranz gegenüber Unzulänglichkeiten der anderen. Wir teilten ein ähnlich tiefes Bedürfnis an Nähe und Distanz und kreisten ziemlich zufrieden in unseren individuellen Umlaufbahnen umeinander.

In der Rückschau erinnere ich diese Jahre zu Hause mit den Kindern als gemütlich und ruhig. Durchbrochen von üblichen Krankheiten, sitzend in Wartezimmern. Einkaufen mit Kinderwagen. Immer Trinkbecher und Notfallkekse dabei. Wenig Platz in Bahnen und Bussen. Wäsche, Wäsche, Wäsche. Aufhängen, abhängen. Aufhängen, abhängen.

Eine endlos lange Phase von konstruktiver Langeweile.

Tropfend. 24 Stunden. 7 Tage die Woche.

Wir verbrachten die besten Stunden als Freizeitrudel mit vorlesen, malen, backen, matschen, in Bewegung sein, mit dem Hund, Hütten bauend, auf Bäumen sitzend. Familienfilme auf der Couch. Alle drauf auf die Couch, mit Kakao und Keksen. Unsere Couch schrumpfte mit den Jahren. Plumps, passte der Hund nicht mehr hin. Dann ich nicht mehr. Und dann war das erste Kind in sein Zimmer gezogen, Türe zu und ich konnte wieder zurück auf die Couch. Mittlerweile ist die Couch leer. Der neue Hund durfte sofort drauf und wir zwei liegen nun abends kreuz und quer auf dem fast 20 Jahre alten Möbel und denken: Auch gut!

Ich vermisste meine Arbeit sehr. Während all dieser sinnvoll verbrachten Jahre vermisste ich es sehr, in Ruhe eine kognitive Aufgabe zu haben. Kontinuität in meine Gedanken, Kontinuität in meinem Handeln. Hätte ich die Arbeit gehabt, aber die Kinder nicht, hätte ich die Kinder vermisst. So gibt es nur die Wahl zwischen einem Leben mit und einem Leben ohne Kinder. Etwas dazwischen gibt es nicht. Ich bin sehr dankbar für die Geburt dieser drei Wesen, die mit dem Vater und mir zusammen aufwuchsen. Erst als ganze Familie und dann als getrennt lebende Eltern. Familie mit zwei „zu Hausen“.

Und ich bin so unendlich dankbar, dass wir uns getroffen haben, Caya und Jana, und nicht allein waren. Egal womit.

Bild von Rainer Maiores auf Pixabay

Wie oft haben wir über unser Müttersein auf unseren Spaziergängen gesprochen. Darüber, wie schwer es ist zu wissen, was gerade wichtig ist. Müssen wir dranbleiben? Müssen wir loslassen? Wohin mit meinen Sorgen? Wohin mit meinem Frust? Wohin mit der Müdigkeit? Wohin mit meinem Bedürfnis, Dinge zu gestalten und zu beeinflussen? Wie viel davon ist richtig, wie viel zu viel?

Das Leben eines Menschen so stark zu beeinflussen wie wir es als Elternteile tun, ist eine krasse Herausforderung! Niemand kann mir erzählen, dass das easy going ist. Dass man immer weiß, was richtig ist. Dass man ohne schlechtes Gewissen da durchkommt. Da ich einen aufbrausenden Charakter haben kann, hatte ich regelmäßig ein schlechtes Gewissen.

Und dann das Schild am Bauchnabel….(Am Bauchnabel hängt es längst nicht mehr. Nein, es hing in den letzten Jahren häufig direkt vor meiner Nase, immer wieder.) Ein gutes Schild. Es zeigt Grenzen auf und sagt: Lass mich meine eigenen Fehler machen. Es bringt aber auch dieses Flattern mit sich: Geht das gut? Ist das gerade sinnvoll investiertes Vertrauen, oder werde ich das bereuen?

Der Jüngste war etwa 12 Jahre alt. Noch mit hohem Kinderstimmchen. Er kommt aus der Schule und bittet mich zum Gespräch: Hast du etwas Zeit für mich? Da er wenig redet, muss es wichtig sein. Wir setzen uns. Er formuliert folgende Konstruktion:Du magst es ja nicht, irgendwelche doofe Strafen auszusprechen, die pädagogisch gar nicht zu dem passen, was man verbockt hat. Also denke ich jetzt erstmal über ne passende Strafe nach und schlage sie dir vor. Dann sage ich dir auch, was in die Hose gegangen ist.

Ich weiß nicht mehr, worum es da ging. Aber ich hatte damals definitiv einen guten Tag!

Und was auch immer war. Immer warst du da in den letzten 17 Jahren. Immer war klar: wir gehen spazieren, wir reden oder wir gehen einfach nur. Wir sind da und schauen auf die nächste Welle, die kommt.

Was für ein Glück!

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