Eine Frau sein

Die Frau macht ihre tägliche Hunderunde nach der Arbeit. Sie hat sich den ganzen Tag um das Wohlbefinden von anderen gekümmert. Das tut sie gerne. Sie hat sich diesen Beruf ausgesucht und sie macht ihn gut. Wenn sie nachmittags mit dem Hund geht, möchte sie niemand sein. Sie möchte mit dem Hund gehen. Sie trägt dazu praktische Outdoor-Kleidung und geht zügig durch die frische Luft. Sie grüßt freundlich, will aber jetzt mit niemanden sprechen.

Die Frau sieht den älteren Nachbarn bereits vom Fenster aus. Er steht manchmal auf der Straße. Dort geht er auf und ab. Er hofft, dass jemand rauskommt, mit dem er sprechen kann. Seine Frau ist vor einigen Jahren gestorben. Auch die Katze ist tot.

Die Frau ist genervt. Natürlich muss sie an ihm vorbei. Er kennt ihre Zeit. Er wartet auch auf sie. Auf ein Wort mit ihr. Kontakt.

Sie will jetzt los. Sie will nicht warten, bis er weg ist. Sie will jetzt gehen. Auch der Hund will das unbedingt. Die Frau verlässt ihr Haus. Der Mann steht auf der anderen Straßenseite und schaute gerade blinzelnd in die Sonne. Ihre Chance! Sie nickt hastig in seine Richtung und geht schnellen Schrittes Richtung Park. Fast läuft sie. Weg aus ihrem Haus, aus ihrer Straße. Aus ihrem Viertel.

Er hat sie jetzt bemerkt. Und er folgt ihr. Sie spürt ihn hinter sich. Wie schnell er noch gehen kann! Sie geht so schnell sie kann. Eigentlich möchte sie rennen. Der Hund ist irritiert. Er möchte schnuppern. Sie zieht ihn hinter sich her. Sie fühlt sich elend. Ein hässliches Gefühl von Benutzt-Werden klebt an ihr. Warum kann sie nicht in Ruhe ihren Spaziergang machen? Warum weigert er sich, die Regeln der Höflichkeit einzuhalten? Hätte sie ihn mitnehmen wollen, hätte sie ihn angesprochen. Es muss ihm klar sein, dass sie ihn jetzt nicht will. Er überschreitet ihre Grenze trotzdem. Er will jetzt Kontakt haben. Er mag sie. Sie ist so nett. Es tut ihm gut, ein paar Worte mit ihr zu wechseln.

Die Frau wird sehr wütend. Sie kann es nicht fassen, dass es nicht möglich ist, ihren Hundespaziergang so zu gestalten wie sie es möchte. Sie ist fast am Park. Er ist knapp hinter ihr. Sie kann es nicht glauben, dass er nicht kapiert, dass sie jetzt nicht will. Ihn nicht. Niemanden! Und falls jemand etwas von ihr will, muss man sie fragen. Und wenn sie Nein sagt, muss man gehen. Niemand darf hinter ihr herlaufen.

Die Frau ist unfassbar wütend. Sie fühlt Hass. Aggression. Und tiefe Erschöpfung.

Alles alte, gut bekannte Gefühle. Die Frau fühlt Trauer. Wie anstrengend es doch ist.

Der Hund schaut zu ihr hoch. Er wird an dieser Stelle immer losgelassen. Er versucht es mal mit Schwanzwedeln.

Abrupt bleibt die Frau stehen. Sie dreht sich um. Sofort bleibt der Mann auch stehen. Sie ruft: Laufen Sie mir hinterher? Erstaunter Blick: Nein, natürlich nicht! Empörung liegt in seiner Stimme. Sie schaut ihn an. Es ist ihr egal, dass er einsam ist, dass er vielleicht zu viel trinkt, dass der Sohn weit weg wohnt und selten kommt, dass die Katze tot ist. Sie sagt: Dann soll das auch so bleiben. Laufen Sie nicht hinter mir her!

Ihre Stimme ist stark und kalt. Sie lässt keinen Zweifel zu.

Die Frau dreht sich um und setzt ihren Weg fort. Sie schaut nicht mehr zurück. Endlich kann der Hund laufen. Die Frau ist aufgewühlt. Sie ist immer noch wütend.

Als sie nach 30 Minuten in ihre Straße zurückkehrt steht er am Eingang des Parks. Er ist geschrumpft. Er schaut wie ein geschlagenes Tier. Er blickt sie nicht direkt an. Sie fühlt nichts. Der Hund will zu ihm. Sie lässt die Leine lang, sodass der Hund zu ihm kann. Der ältere Mann streichelt den Hund. Sie geht langsam an ihm vorbei. Der Hund folgt.

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