Das Beste aus zwei Welten

Wir sind Freundinnen. Richtig gute. So gut, dass wir uns auch aus so mancher Comfortzone herausholen dürfen und uns sagen können: Liebes, das ist nicht gut, finde ich, darf ich bitte etwas dazu sagen? Ein Bekannter, der seit Jahren alleine lebt und wenige Freundschaften pflegt, sagte einmal auf einer Party zu mir: Es gibt niemanden, der mir Feedback gibt. Auf der Arbeit ja. Zielführend für die Arbeitsstelle. Im Männerfreundeskreis bekommt man auch mal einen guten Tipp, aber so richtiges Feedback, ein differenzierter Blick auf mich als Individuum, das in seiner eigenen Soße schwimmt? Jemand, der mal sagt: Tu das nicht! …..das ist goldwert!

Das ist der Teil einer Freundschaft, der sie komplett macht. Allwettertauglich. Einmal imprägnieren, bitte. Denn ich übernehme Verantwortung, wenn ich jemanden sage: Ich mag dich und ich möchte mit dir durchs Leben gehen. Nicht viele Kontakte lassen sich so umfassend gestalten, aber viele Kontakte müssen es ja gar nicht sein. Ich brauche keine Mannschaft, keinen Kegelclub. Ich brauche Menschen, die sich Mühe mit mir geben möchten. Und ich mir mit ihnen.

Für mich war das schon immer wichtig, jemanden nahe zu sein. Ich stehe auf diesen verbindlichen und substanziellen Anspruch, der das Wort Verantwortung schmückt. In einem amerikanischen Spielfilm sagt Shirley Mc Laine zu Nicole Kidman: „Tief in seinem Inneren gibt es kein tief in seinem Inneren, Schätzchen.“ Ein Wahnsinns-Satz! Ich bin absolut jemand für das tief in ihrem/seinen Inneren. Du hast Anspruch auf mich, meine liebe Jana. Vielleicht kann ich nicht immer sofort, aber ich kann! Und ich will!

Und du hast mit mir diesen Teil bereits X-mal ausgelebt. Du warst da und hast geholfen, mit Wort, Rat und Tat. …es wurde besser dadurch!

Ich mag dich, heißt ja, ich mag dich auch, wenn du seltsam, knurrig, dicker, dünner, krank, schlecht drauf, nervig, verwirrt und mal nicht faboulos bist. Die SchlechtWetterPhasen zu begleiten ist ein Privileg, wie ich finde. Damit meine ich kein einseitiges Ausheulen und Comfortzonen manifestieren, sondern kluge und klare Gedanken zur Person:

Wo könnte die Wahrheit eines unglücklichen Gefühls liegen?

Im Hier und Jetzt auf der Alltagsfolie? Oder liegt die Wahrheit dieser Gefühle vielleicht in der Vergangenheit, auf der Kindheitsfolie? Ist es eine alte, nicht versorgte Schmerzstelle, die angetriggert wurde? Oder ist etwas einfach nur doof gelaufen und kann schnell abgehakt werden? Welche Protagonist*innen spielen da auf meiner Seelenbühne?

Oft empfinde ich einen nebligen Mischmasch und muss richtig, richtig intensiv nachdenken, um Dinge klar zu kriegen. Dafür brauche ich Zeit, Ruhe…und Spaziergänge mit dir!

Der Austausch mit Freund*innen. So wichtig für mich. Jede/r bringt ihre/seine eigene Welt in den Austausch ein. So haben wir viele Facetten von Erfahrungen und Sichtweisen zur Verfügung.

Etwas bei der anderen zu sehen und uns die Mühe zu machen, zu überlegen, wo das herkommt, das ist für uns beide immer fruchtbar gewesen. Manches habe ich milder durchlitten, weil du mich geimpft hattest mit deinen Erfahrungen. Ich sah dich, ich kenne dich, ich weiß ein bisschen, wie du tickst. Und das hilft mir, mein Inneres auszuloten.

Wir haben immer Spaß an dieser gemeinsamen Puzzlearbeit: Sind es meine, deine Projektionen? Ist es Akutes, ist es Altes… Wo könnte was hingehören? Bist DU auf der richtigen Spur, weil ICH sehe, welche Puzzleteile bei dir gerade nicht zusammenpassen? Und umgekehrt. Wir puzzeln mit Kaffee, mit Wein, draußen, drinnen, mal mit Liebsten-Unterstützung, mal in einer größeren Runde.

Oft beim Spaziergang

Wir regen uns auf.

Wir regen uns ab.

Wir halten mal die Klappe.

Wir sind da!

Wir sind da. In der Welt. Als Frauen, Berufstätige, Mütter, Menschen und für einander.

Der Spiegel, in den ich bei einer Freundschaft/Beziehung schaue, ist ein wichtiger Kompass.

Niemand kennt mich so gut wie die anderen.

Das Wundervolle ist, dass ich immer das Beste aus zwei Welten zur Verfügung habe.

Aus zwei Welten oder aus mehreren. Ich muss gar nichts alleine schaffen. Alles kann geteilt werden. Alles wird angeschaut, gewogen, vermessen, ggf beschriftet und einsortiert. Vorübergehend. Bis man an dem Thema wieder vorbeikommt. Alles bekommt die Farbvielfalt aus zwei Leben und das komplette Sortiment aus 2 Mal Lebenserfahrung.

Was für eine Ressource!!

Manchmal muss man sich kurzfristig von Dauerharmonie verabschieden. Auf das stärkende Gefühl, einer Meinung zu sein. Aber dafür bekomme ich eine überwiegend sanfte Behandlung an Schmerzpunkten. Arthrose und Muskleversteifungen lassen sich sehr gut behandeln: Rein in den Schmerz und in Bewegung bleiben!

Auf die kompetente Beratung meiner Inner-Circle-Friends kann ich mich immer verlassen, auch wenn das manchmal alles andere als komfortabel ist. Eiwg lange in Selbstmitleid sulen ist nicht. Nein, nach einer ausgiebigen Rotwein-Session, vor allem damals als sich unsere Familienstrukturen auflösten, schauen wir uns den Schlamassel an und werden zu Detektivinnen.

Vor Kurzem musste ich mit einer Absage fertigwerden. Mein Freundeskreis hatte mich bei der Bewerbung unterstützt und mitgefiebert. Ich bekam eine Zusage und wir feierten. Jana, du kamst mit einer Flasche Champagner spontan vorbei! Meine berufliche Zukunft in der neuen Heimat schien gesichert.

Drei Tage später kam der Widerruf der Zusage und weg war die tolle Stelle! Ich war unter Schock. Ich schrieb eine SMS in meinen Freundeskreis und erlebte einen wunderbaren Nachmittag: Alle waren da! Alle waren empört. Alle machten sich gute, aufbauende Gedanken, kein Blababla. Alle bestätigten mir, wie kompetent ich beruflich bin und begründeten es. Alle gaben sich Mühe, dass ich mit diesem Schock nach der ersten Welle konstruktiv umgehen konnte.

Das war toll! Es tat unendlich gut! Es hat mich wieder hingestellt und ich konnte weitergehen. Noch eierig. Aber von allen Seiten stabilisiert😊. Sehr cool! Und sehr wichtig, denn der Liebste war 450 km weit weg und konnte mich nicht in den Arm nehmen.

Hier habe ich auch gemerkt, wie sehr sich unsere intensiven Gespräche auszahlen, wenn es mal brennt: Durch unser jahreslanges Training, Prozesse durchzuarbeiten, Haltungen auszuloten, Themen zu wälzen, zu hinterfragen, klare Stellung zu beziehen, Zuwendung zu spenden, eben sich umfassend zu interessieren, bleiben wir in Krisenzeiten nicht sprachlos. Wir haben keine Berührungsängste. Wir kennen einander und sind sofort da. Spürbar.

Eine Freundinnen – Geschichte möchte ich noch erzählen. Die durfte ich mit meiner ältesten Freundin erleben, die ich seit 48 Jahren kenne. Ich lag im Krankenhaus und musste operiert werden. Nach der OP ging es mir so lala. Sie kam 40 km angereist, brachte Blumen, ein Buch und etwas Süßes mit, guckte mich an, sah, dass ich nicht viel machen konnte, außer gucken. Sie zog die Schuhe aus, setzte sich ans Fußende meines Bettes in den Schneidersitz und erzählte mir aus ihrem Alltag. Sie war einfach da. Sie blieb 2 Stunden. Es war ein bisschen so wie früher in ihrem oder meinem Zimmer. Vertraut, liebevoll und sehr gemütlich!

Wir bleiben dran. Mal am Rotwein. Mal am Thema. Mal am Drama. Immer am Leben. Und immer aneinander. Zwischendurch wird gearbeitet, eingekauft, Rasen gemäht und die Mutter angerufen.

Und gelacht! Wir sind juut drupp😊

Je älter, desto näher an uns selber. Wie schön!

In „About a Boy“ sagt der Junge am Ende:

„Jeder Mensch ist eine Insel. Und dazu stehe ich-aber, zweifelsohne gehören manche Menschen zu Inselketten. Unter der Meeresoberfäche sind sie eindeutig miteinander verbunden.“

Ich liebe diesen Satz.

Unsere Freundschaft wächst mit. Sie inspiriert, erdet, hat Phasen des Schweigens, in denen es nicht zum Verlust von Verbundenheit kommt, hat auch mal Phasen von „Sehr verschieden sein“. Jana-Insel. Caya-Insel.

Wenn es mal knirscht, dann kann man zusammen einen lieben, langen Blick drauf werfen und versuchen zu verstehen, was da passiert ist. Vielleicht nicht sofort, aber später. Darauf dürfen wir vertrauen. Dann ist es sehr spannend und hilfreich zu gucken, welche Persönlichkeitsanteile da ineinander verhakt waren. Wir können unsere Gefühle anschauen, sie ernst nehmen, ohne dass wir uns voneinander entfernen müssen.

Das ist der vorläufige Stand von 17 Jahren intensiver, liebevoller Freundschaft. Begleitung im Alltag. Teilen von Glück. Hilfe und Unterstützung bei kleinen und großen Krisen.

Und wir hatten alles in diesen 17 Jahren. Jede in ihrem Leben.

Alleine.

Aber dabei ist eben nicht geblieben😊.

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